Reiki: Geschichte und Mythos
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Japanischer Votivaltar, Ende 16. Jh. - Musée Guimet, Paris

James Deacon hat mir dankenswerterweise die Erlaubnis gegeben, einige seiner Artikel ins Deutsche zu übertragen und auf meiner Seite zu veröffentlichen. Ich möchte dies in nächster Zeit zu den Artikeln tun, die sich mit der Geschichte Reikis beschäftigen und dort vor allem mit dem Verhältnis zur Reiki-Legende.

Das Copyright © 2008 liegt bei James Deacon, das der Übersetzung © 2011 bei Katrin Buske. Ich verlinke stets mit dem Original und – soweit schon vorhanden – mit der Übersetzung.

 

Reiki: Geschichte und Mythos (Teil 1)

Reiki History and Reiki Myth

Ein zweiter Blick auf ein paar Behauptungen der „neuen“ Reikigeschichte – War Usui doch Christ?

Früher war es uns im Westen als Tatsache bekannt, dass Usui-sensei Christ war – und nicht nur einfacher Christ. Nein: Er war sogar Pfarrer. Und das System der natürlichen Heilung war, obgleich es keine direkte Beziehung zum Christentum hatte, letztlich Ergebnis von Usui-senseis Forschungen danach, wie Jesus seine Heilungen vollbracht hatte.

In den späten 1980er / frühen 1990er Jahren nahm Reiki Fahrt auf und breitete sich in der New-Age-Bewegung immer schneller aus. Die Vorstellung von Usui-sensei als Pfarrer war nicht mehr angesagt. Für viele New-Age-Jünger war es richtiggehend unangenehm oder sogar peinlich.

Für viele Menschen war ihr Bedürfnis nach einer alternativen Spiritualität Triebfeder für ihre Beschäftigung mit New Age gewesen, eine Flucht aus der dogmatischen Kontrolle ihrer christlichen Erziehung. Und als sie dann herausfanden, dass der Gründer des Reikisystems christlicher Pfarrer gewesen war, nun ja…

Wie es manchmal so geht begannen gerade in dieser Zeit einige Menschen unabhängig voneinander, verschiedene Ereignisse der Reikigeschichte, wie sie sie von ihren MeisterInnen gelernt hatten, zu hinterfragen. Unter anderem entschlossen sich ein paar Leute, die Universitäten anzuschreiben, die in der Reikilegende genannt werden:

  • Doshisha Universität in Kyoto – Usui-sensei, so hatte es immer gehießen, war an dieser Universität Pfarrer und nach einigen Berichten sogar Präsident der Universität gewesen
  • University of Chicago – dort soll Usui-sensei im Rahmen seiner Suche nach Jesus‘ Heilwirken studiert haben.

Einer dieser Männer, die sich an die Universitäten gewandt hatten, war der Reikimeister William Rand. Im November 1990 bekam er von der Universität in Chicago die Auskunft, dass „…unsere Archive keinen Hinweis darauf geben, dass Mikao Usui jemals die Universität von Chicago besucht hätte.“ Im darauf folgenden Jahr wandte Rand sich auch an die Doshisha Universität und bekam im Dezember 1991 die Antwort, dass der Name Mikao Usui in den Listen der Hochschulabsolventen „nirgends auftauche“ und auch nicht auf der Liste der Fakultätsmitglieder. Außerdem sei er  „… niemals Präsident der Doshisha gewesen.“

Diese Information war natürlich für viele Reikianhänger ein großer Schock und wir können nur vermuten, in welchen unterschiedlichen Wegen sie damit umgingen, dass anscheinend schwerwiegende Fehler in der überlieferten Reikigeschichte enthalten waren. Indes scheint es, dass einige Leute, besonders aus den Reihen derer, die mit den christlichen Bestandteilen nie so recht glücklich gewesen waren, die Widersprüche als so etwas wie ein Gottesgeschenk auffassten. Für sie war es eine Chance, Dinge zu ändern, neu aufzubauen. Tja, und das haben sie dann auch getan.

Erstaunlich schnell entstand so etwas wie Die Wahre Geschichte von Reiki. Und in dieser Version war Usui-sensei nicht nur nicht Präsident der Doshisha, noch Pfarrer an dieser Universität – nein, er war überhaupt kein Pfarrer und noch nicht einmal Christ.

Usui-sensei war nun Buddhist [1] und immer schon gewesen; und wann immer jemand fragte, warum es jemals anderes gehießen hatte, lautete die Standardantwort, dass Takata-sensei bestenfalls die Dinge ein bisschen durcheinander gebracht hatte und schlimmstenfalls einfach alles erfunden hatte. [2] Immerhin war der Buddhismus für viele New-Age-Anhänger weitaus akzeptabler als es das Christentum war und Hinweise finden sich auch in der Reikilegende: Usui-sensei habe in einem Zen-Kloster studiert und die Schlüssel zu den Symbolen in buddhistischen Sutras gefunden… [3]

Nach und nach entwickelten sich Standardantworten auf Fragen, die vielleicht sogar recht unbedarft zum christlichen Hintergrund Usuis gestellt wurden:

  • „Er konnte doch gar kein Christ sein – er ist doch auf einem buddhistischen Friedhof begraben worden.“ [4]
  • „Für jeden, der auch nur ein bisschen Ahnung von japanischer Geschichte hat, ist offensichtlich, dass Usui kein gebürtiger Christ hat sein können. Das Christentum war doch für Jahrhunderte in Japan verboten gewesen und dieses Verbot wurde erst aufgehoben, als Usui 8 Jahre alt war. Also gab es keine japanischen Christen zu der Zeit, in der Usui geboren wurde.“
  • „Aber natürlich wissen wir, dass Usui kein Christ gewesen war. Sowohl die Gakkai als auch eine seiner noch lebenden Schülerinnen – eine buddhistische Nonne namens Mariko – bestätigten, dass Usui Zeit seines Lebens Buddhist war.“

Wie auch immer: Es gibt wahrscheinlich weniger Beweise für die Existenz dieser langlebigen Schülerin oder der heutigen Gakkai als es jemals dafür gab, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt hatte…
Desweiteren gibt es in der von Takata-sensei überlieferten Reikilegende keinen Hinweis darauf, dass Usui-sensei als Christ geboren worden war. Seine Kindheitsjahre werden überhaupt nicht erwähnt. Auch wird niemals behauptet er sei als Christ gestorben. (Takata hat nie gesagt, er sei sein ganzes Leben lang Christ gewesen. So gibt es zum Beispiel keinen Hinweis darauf, dass er nach der Reiki-Entdeckung auf dem Berg Kurama seinen Dienst als Pfarrer wieder aufgenommen habe.)
Und außerdem werden wir jetzt sehen, dass es tatsächlich zur Zeit von Usui-senseis Geburt Christen in Japan gab. Und zwar ziemlich viele.

1549 trat die Römisch-Katholische Kirche erstmals in Japan auf* und für das folgende halbe Jahrhundert gedieh das Christentum mit immer weiter wachsenden Zahlen von Konvertiten. Einige Schätzungen belaufen sich auf bis zu 300.000 japanischen Christen zum Ende des 16. Jahrhunderts. Als das Tokugawa Shogunat jedoch Anfang des 17. Jahrhunderts die politische Kontrolle übernahm, änderten sich die Dinge:
Das Christentum wurde jetzt als Möglichkeit gesehen, dass europäische Interessen in den Herzen und im Geist der japanischen Bevölkerung Tritt fassen könnten und daher erschien es jetzt als Bedrohung für die Macht des Shogunats – eine Zeit der immer stärker werdenden Unterdrückung begann.

Dies führte zum offiziellen Verbot für Japaner, den christlichen Glauben auszuüben. Ausländische Missionare und viele prominente Japaner christlichen Glaubens mussten das Land verlassen. Statt ins Exil zu gehen, begaben sich viele (europäische) römisch-katholische Priester in den Untergrund. Eine große Anzahl der Gläubigen weigerten sich, den christlichen Glauben aufzugeben. Sie wurden vor eine simple Wahl gestellt: Widerrufen oder sterben. Viele widerriefen. Viele wurden hingerichtet.

Um sich weiter von westlichem Einfluss (und der Wahrscheinlichkeit, dass die Europäer zu viel Einfluss erlangen) zu befreien, entschied sich das Shogunat für eine Isolationspolitik: Nicht nur die Missionare, sondern alle Europäer wurden des Landes verwiesen, jeglicher Handel mit Europa wurde beendet; mit der einzigen Ausnahme eines streng kontrollierten Handels mit den Niederlanden.

Doch auch nach all diesen Maßnahmen war das Christentum nicht aus Japan gelöscht. Historiker glauben, dass etwa 150.000 Christen offiziell ihrem Glauben abschwörten, ihn jedoch heimlich weiter praktizierten. Für mehr als zwei Jahrhunderte lebten die Senpuku Kirishitan (Untergrundchristen) in von der Außenwelt abgeschirmten, selbstständigen ländlichen Gemeinden und feierten ihre Gottesdienste in aller Heimlichkeit, wohl wissend, dass sie bei Entdeckung hingerichtet würden. Geschätzten 40.000 ist genau dies geschehen…

Diese Jahrhunderte hindurch waren die Christen ohne Gebetsbücher, Heilige Schriften oder irgendwelche Kultgegenstände – all dies war aufgegeben worden, um einer möglichen Entdeckung zu entgehen. Nach außen mussten sie den Eindruck erwecken, Buddhisten oder Shintoisten zu sein (die Unterschiede zwischen beidem waren ohnehin verwischt.
So wurde der christliche Glaube mündlich weitergegeben und im Laufe der Zeit kam es zu zahlreichen Veränderungen, indem buddhistische, shintoistische oder volkstümliche Vorstellungen eingewoben wurden.

1853 erreichte eine kleine US-amerikanische Flotte den Hafen von Uraga am Eingang zur Bucht von Tokio, dem damaligen Edo. Die Amerikaner verlangten, dass Japan seine Häfen dem Handel mit dem Westen öffne.
Durch die jahrhundertelange Isolation vom Rest der Welt hatte sich das japanische Militär nicht weiterentwickelt und daher war ein Widerstand gegen Amerika nicht möglich. Das Shogunat hatte keine andere Wahl als nachzugeben. Bis 1854 hatte Japan Freundschaftsabkommen nicht nur mit den USA, sondern auch mit Großbritannien, Frankreich, Russland und den Niederlanden abgeschlossen.

1865, als Usui-sensei geboren wurde, lag immer noch der Bann auf dem Christentum – zumindestens für die Japaner selbst. Das Öffnen der japanischen Häfen für den Auslandshandel sorgte auch für einen Zustrom an römisch-katholischen und anderen christlichen Missionaren, angeblich nur, um sich um die wachsende Zahl von Westlern in den neu gegründeten ausländischen Wohnvierteln zu kümmern.
Trotz des Verbots, für das Christentum zu werben, war es einigen Missionen erlaubt, medizinische Behandlungen und Schulen anzubieten.
Sogar nach dem Fall des Shogunats und dem Einsetzen der Meiji-Reigerung (1868) war es für Japaner illegal,  ihren christlichen Glauben zu praktizieren. Etwa 3.000 japanische Christen sind allein in den ersten zwei-drei Jahren der Meiji-Regierung verhaftet worden.

Aber die Dinge sollten sich jetzt ändern: Unter dem wirtschaftlichen und sonstigem Druck der USA und anderer westlicher Staaten war die Meiji-Regierung gezwungen, ihre Haltung in religiösen Fragen zu überdenken und 1873 wurde dann das Verbot aufgehoben.

Während einige wenige der Christen aus dem Untergrund christliche Missionare schon vor 1873 überrascht hatten, waren nun alle in der Lage, sich offen zu ihrem Glauben zu bekennen und um Unterricht in Katechismus und auch Riten zu bitten, da ihr eigener Glaube sich in den Jahren der Isolation von den Lehren der Kirche abgeglitten war.

Viele kehrten froh in den Schoß der Mutterkirche zurück, aber es gab auch einige, die dies nicht wollten: Sie zogen es vor, an den entwickelten japanischen Eigenheiten und Traditionen (einschließlich Ahnenverehrung [5]) festzuhalten.

Fortsetzung folgt

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Anmerkungen:
[1] Aber selbst heute [2008] gibt es keine Einigkeit darüber, welcher Richtung des Buddhismus‘ Usui-sensei angehörte.

[2] Vielleicht war es in dieser Zeit, dass die nicht gänzlich durchdachte Auffassung entstand, dass Takata-sensei eine christliche Herkunft fabuliert hatte, um Reiki im Westen salonfähig zu machen?

[3] Erstaunlich, wie einige Bestandteile der als falsch betrachteten Reikilegende nun sogar zu deren Widerlegung herangezogen werden…

[4] Natürlich könnte die gleiche Argumentation auch benutzt werden, um zu belegen, dass Usui-sensei kein Tendai Buddhist war (wie behauptet wurde), denn er ist auf einem buddhistischen Jodo Shin-Friedhof begraben worden.

[5] Namentlich derjenigen, die für ihren glauben als Märtyrer in den Tod gingen.

Bewegende Reiki-Geschichten?
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Saihoji-Tempel - Foto: knj@UCSC (talk)

Dieser Artikel stammt aus der Seite von James Deacon, der ihn mir zur Übersetzung und Veröffentlichung überlassen hat.

Das Copyright © 2005/2009 liegt bei James Deacon, das der Übersetzung © 2011 bei Katrin Buske. Ich verlinke stets mit dem Original und – soweit schon vorhanden – mit der Übersetzung.

Bewegende Reiki-Geschichten?

Moving Tales?

Einige Leute scheinen recht viel auf sich zu nehmen, uns glauben zu machen, dass Usui-sensei Zeit seines Lebens ein strenggläubiger Anhänger der buddhistischen Tendai-Sekte war.
Aber seit einiger Zeit schon scheinen im Großen und Ganzen dieselben Leute die Tatsache zu übersehen, dass Usui-senseis sterblichen Überreste auf dem Gelände des Saihoji-Tempels liegen – der zur buddhistischen Jodo-Sekte gehört.

In einem recht halbherzigen Versuch, dies zu erklären, haben einige angedeutet, dass vielleicht der Saihoji-Tempel früher einmal der Tendai-Sekte gehört habe.

Nun, Dave King behauptet, die Antwort zu haben: Dave  berichtet, dass kürzlich (Sommer 2009) einer seiner Kollegen (George Mullen?) den Saihoji-Tempel besucht habe und entdeckte, dass 1960-61 einige Grabsteine eines Tendai-Friedhofs dem Neubau einer U-Bahn-Trasse weichen mussten und auf das Gelände des Saihoji-Tempels verbracht wurden.

Laut Dave King behauptet dieser Kollege auch, dass er erfahren habe (es bleibt unklar, von wem) dass sowohl das Familiengrab der Usui als auch das Grab, in dem Usui-senseis Sohn, Fuji, bestattet wurde, zu denen gehörten, die von dem nicht weiter benannten Tendai-Friedhof zum Saihoji-Tempel gebracht wurden.

Soweit alles klar?

Als ich [James Deacon] dies das erste Mal hörte, dachte ich: „Wenn Usuis Grab erst 1960/61 zum Saihoji-Tempel umzog – wie kann es dann sein, dass der Saihoji-Tempel auf dem Gedenkstein von 1927 erwähnt wird?
Auf dem Gedenkstein steht: „Kürzlich kamen viele seiner Schüler zusammen und entschieden, diesen Gedenkstein auf dem Friedhof des Saihoji-Tempels errichten zu lassen…“

Vielleicht aber habe ich hier etwas vorschnell geurteilt: Wie es sich herausstellt,sind laut Dave Kings Geschichte nur die Gräber, nicht aber der Gedenkstein, von jenem ungenannten Tendai-Friedhof umgezogen. Die Tatsache, dass der Gedenkstein schon immer auf dem Saihoji-Tempel stand, stand nie zur Debatte.

So sollen wir also nun glauben, dass Usui-sensei auf einem Tendai-Friedhof beerdigt wurde und schon ein Jahr später die ehrenhaften und respektvollen Initiatoren des Gedenksteins diesen nicht am Grab ihres geliebten Lehrers errichteten, sondern auf einem völlig anderen Friedhof einer gänzlich anderen Glaubensrichtung – versteckt zwischen Gräbern, die keinerlei Bezug zu Usui-sensei hatten?
Und dass sie sich entschieden, jeden Hinweis darauf, dass Usui-sensei tatsächlich woanders beerdigt lag, zu unterlassen – wäre das allein nicht schon ziemlich respektlos? Es bedeutet doch, dass späteren Schülern die Möglichkeit, ihrem Lehrer am Grab den Respekt zu erweisen, genommen würde.

Und ist es nicht einfach erstaunlich, dass gut dreißig Jahre nach Errichten des Gedenksteins im Saihoji-Tempel gerade um den Stein herum so viel freier Platz war, dass man direkt nebenan, zwischen all den eng gedrängten Gräbern, sowohl Usui-senseis Grabmal (in dem auch seine Frau und seine Tocher liegen) und das seines Sohnes verbringen konnte?

Irgendwie bin ich überrascht, dass Dave King erst in diesem Jahr von der behaupteten Standortänderung von Usui-senseis Grab erfahren hat. Immerhin berichtet er, dass er 1971 mit einer Gruppe taoistischer QiGong-Schüler in Südmarokko war und einen Monat lang mit dem über 70jährigen Yuji Onuki trainiert habe. Onuki war offenbar in den späten 1920er Jahren ein Schüler von Toshihiro Eguchi und scheinbar auch ein Schüler Usui-senseis selbst (Shichidan, 7. Grad).
Dave konnte viele Jahre später (in den frühen 1990ern?) bei einem Besuch in Japan das Grab nicht nach der Beschreibung Onukis finden. Auf dem Gelände des Tempels traf er aber einen Mann, der ihn herumführte und ihn zu sich nach Hause einlud, um seinen Vater kennenzulernen, der 1923 einer von Usui-senseis Schüler gewesen war. Von diesem ungenannten Mann wurde er auch zu einem privaten Schrein geführt, der eine Originalschrift der Reiki-Lebensregeln und einige der sterblichen Überreste Usui-senseis enthielt.

Bei anderer Gelegenheit behauptet Dave, dass er einen Mann namens Tatsumi trat. Dieser Tastumi, inzwischen 90jährig, war in den späten 20er, frühen 30er Jahren ein Schüler Hayashi-senseis gewesen. Auch Melissa Riggall, eine Kollegin Dave Kings, soll einige Zeit bei Tatsumi gelernt haben.

Bei wieder anderer Gelegenheit, Mitte der 1990er, erwähnte Melissa Riggalls Wirtin zufällig eine Frau, die 1924 bei Usui-sensei gelernt habe. Im Laufe der nächsten zwei Monate lernte Riggall dann etwa 30 Personen kennen, die meisten davon Frauen, die bei Usui-sensei, Hayashi-sensei oder Toshihiro Eguchi gelernt hatten. Eine davon war eine buddhistische Nonne: Tenon-in = Mariko Obasan. Tenon-in, Onuki und tatsumi waren dann die Hauptquellen für alle Informationen, die Dave King über die Jahre herausgefunden hat.

Wie aber kann es sein, dass all diese Menschen, die Dave und Melissa begegneten, niemals davon berichet haben, dass Usui-senseis Grab einer U-Bahn weichen musste?

 

Ist die Reiki-Legende wirklich ein Mythos?
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James Deacon hat mir dankenswerterweise die Erlaubnis gegeben, einige seiner Artikel ins Deutsche zu übertragen und auf meiner Seite zu veröffentlichen. Ich möchte dies in nächster Zeit zu den Artikeln tun, die sich mit der Geschichte Reikis beschäftigen und dort vor allem mit dem Verhältnis zur Reiki-Legende.

Das Copyright © 2005 liegt bei James Deacon, das der Übersetzung © 2011 bei Katrin Buske. Ich verlinke stets mit dem Original und – soweit schon vorhanden – mit der Übersetzung.

Ist die Reiki-Legende wirklich ein Mythos?

The Mythologised Reiki Story?

Da inzwischen ‚bewiesen‘ wurde, dass einige Elemente der Reiki-Geschichte, wie sie Takata-sensei weitergab, falsch sind, möchten uns viele glauben machen, dass Takata-sensei im Laufe der Jahre den Großteil erfunden habe.

Zugegeben, es gibt Beweise, dass die Reiki-Geschichte tatsächlich Fehler enthält [1], aber warum wird immer davon ausgegangen, dass Takata-sensei für die Entstehung der Legende verantwortlich war? Sie selbst hat immer darauf bestanden, dass sie schlicht die Geschichte nacherzählte, wie sie sie von Hayashi-sensei gehört hatte.

Wenn man die Geschichte Reikis näher betrachet, wird deutlich, dass da ein paar erzählerische Elemente enthalten sind, die auch in anderen modernen Gründungslegenden aus Japan vorkommen (siehe http://www.aetw.org/reiki_bits_n_pieces.htm#1 und http://www.aetw.org/reiki_meiji.html#21).

Also ist es immerhin denkbar, dass wer auch immer [2] diese Elemente der Reiki-Geschichte zufügte, sich an ein gewohntes mythologisierendes Schema hielt – in diesem Fall der Entdeckung von Reiki, um Mikao Usuis Geschenk mindestens auf eine Ebene zu setzen mit anderen zeitgenössischen japanischen spirituellen Heilkünsten – buchstäblich also, um mit der Konkurrenz mitzuhalten.

Und sollte dies der Fall gewesen sein, warum hätte dies jemand tun sollen, der in den USA lebt und lehrt? In einer Kultur, in der es diese Konkurrenz nicht gab, da diese anderen Gruppen dort nicht existierten? Wo niemand jemals auch nur von ihnen oder ihren fabelhaften Mythen gehört hatte?

Es wird angenommen, Takata-sensei hätte die Reiki-Geschichte christianisiert (auch wenn es immer noch keinen stichhaltigen Beweis gibt, Usui-sensei sei kein Christ gewesen [3] ) um Reiki im japanfeindlichen Amerika salonfähig zu machen. Seit dem Angriff auf Pearl Habor war die Stimmung in den USA den japanischstämmigen Amerikanern und allem Japanischen nicht freundlich gesonnen und so wäre Usui als Buddhist nicht gut angekommen. [4]

Aber wie ist es um die innere Logik dieses Gedankengangs bestellt? Immerhin wurde der Buddhismus zu dem Zeitüpunkt, als Takata-sensei Reiki in Amerkia bekannt machte, recht populär. Insbesondere der japanische Buddhismus, vor allem in der Form von Zen, war damals schlicht ‚in‘.

Weiter: Wenn es denn stimmte, dass Takata-sensei tatsächlich verantwortlich für die christliche Überarbeitung der Geschichte war, um sie auf diese Weise den amerikanischen Befindlichkeiten anzubiedern – warum hätte sie dann so sehr herausgestellt, dass Usui keinen Erfolg damit gehabt hatte, die Geheimnisse des Heilens in den westlichen Religionen, Philosophien und spirituellen Wegen zu finden, die er der Legende nach doch in Amerika studiert haben soll?

Warum hätte Takata-sensei betont, dass Usui-sensei nach seiner Rückkehr nach Japan das Geheimnis des Heilens (nicht die Symbole, wie zuweilen gesagt wird) in buddhistischen Texten fand? Und dass er Reiki geschenkt bekam, während er sich strengen Meditationen in einer japanischen Tradition unterzog, auf einem japanischen Berg, der sowohl Buddhisten wie Shintoisten heilig ist?

Zwischen den Zeilen lesend, erscheint es mir [James Deacon], dass die Geschichte eher nicht von Takata-sensei auf den amerikanischen Markt zugeschnitten wurde, sondern dass sie in der bekannten Form schon einige Zeit existiert haben könnte, bevor Takata-sensei sie von Hayashi-sensei lernte.
Ist es denkbar, dass die Geschichte nicht für westliche Schüler überarbeitet wurde, sondern tatsächlich für den einheimischen, japanischen Markt?
Könnte da nicht sogar eine anti-westliche Haltung mitschwingen?
Dafür spricht, dass auch noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts viele Japaner glaubten, Japan täte besser daran, für sich zu bleiben und dass man wenig von den Gaijin (Ausländern) und ihrer Lebensweise lernen könne.

Geht es nicht in der Geschichte, zumindest im ersten Teil, im Grunde um den Bericht eines japanischen Priesters einer ausländischen Religion (hier: Christentum), der, als er von seinen Studenten herausgefordert wurde, die Heilfähigkeit Jesu zu beweisen, dies nicht konnte und so sein Gesicht und die Glaubwürdigkeit seines christlichen Vertrauens verlor?
Und dann konnte er sogar im fernen Amerika nicht herausfinden, wie diese neutestamentliche Fähigkeit zu nutzen sei? Er konnte nach all seinen theologischen Studien auch in anderen Religionen des Westens nichts dazu finden.
Dann aber, als er in seine Heimat zurückkehrte und in den geistlichen Schriften seiner eigenen Kultur suchte, fand er schließlich die Anleitung. Eine buddhistische statt einer christlichen Anleitung, die es ihm ermöglichte, das Geschenk des Heilens umzusetzen?

Ich finde es auch bemerkenswert, dass in der Geschichte, klar gesagt wird, dass Usui-sensei das Geheimnis in einer buddhistischen Sutra gefunden habe, aber diese weder zitiert noch genau bezeichnet wird. Das haben sich schon viele Leute gefragt. Ist dieses Wissen verloren gegangen? Hat Usui-sensei die Fundstelle vielleicht niemals genannt?

Ich gehe so weit, anzunehmen, dass selbst wenn die Sutra der für die Reikilegende verantwortlichen Person bekannt gewesen sein sollte, sie bewusst ausgelassen wurde. Warum?
Sollte dieses Geheimnis einfach nicht der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? Oder war es gar eine List, um Neugier in den Reikischülern zu wecken und sie dazu zu bringen, selbst nach der gefragten Sutra zu suchen? Natürlich hätten sie dazu jede Menge buddhistischer Sutren lesen müssen.

Waren die Autoren der Reikilegende vielleicht selbst Buddhisten? Wäre in den Augen eines Buddhists eine solche konzentrierte Suche in den buddhistischen Schriften nicht wunderbar, um Reikischüler, sowohl Gläubige als auch Nicht-Buddhisten, näher an das Dharma zu ziehen?

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Anmerkungen:
[1] Zugegeben, wir wissen, dass Usui-sensei nicht die Universität von Chicago besucht hat – zumindest nicht unter dem Namen Mikao Usui (Siehe: http://www.aetw.org/reiki_japanese_christianity.htm), noch war er Priester oder Direktor der Doshisha Universität. Aber wo genau sind die Beweise für weitere Ungenauigkeiten in der Reiki-Geschichte?

[2] Um es klar zu sagen: Ich deute hier nicht an, dass Hayashi-sensei (oder gar Usui-sensei selbst) die Reikigeschichte so verändert hätte. Natürlich ist es möglich, dass Hayashi-sensei sich bei bestimmten Details in Usuis Biografie geirrt hat, schließlich hat er ihn nur die letzten 9-10 Montate dessen Lebens gekannt. Ich kann nicht anders als denken, ob nicht Hayashi selbst diese Gründungslegende einige Zeit nach Usuis Tod gehört hat, möglicherweise von anderen Mitgliedern der Gakkai.

[3] Als sie herausfanden, dass Usui-sensei wohl niemals an der Doshisha Universität gelehrt hatte, schlossen viele Menschen daraus, dass dies auch ‚bewiese‘ dass nie Geistlicher gewesen war, sogar dass er niemals auch nur Christ gewesen war.
Natürlich ist es möglich, dass er vielleicht kein Geistlicher gewesen war, dass er vielleicht kein Christ war, aber die bloße Tatsache, dass er nicht an der Doshisha Universität gewesen war, ist dafür kein Beweis. (Siehe: http://www.aetw.org/reiki_japanese_christianity.htm

[4] Auch wenn Japan eher ein shintoistischer als ein buddhistischer Staat war.