Tag 2: Menschengerechte Ernährung
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Wenn es denn nun keine wie auch immer festgelegte Ernährungsweise für Reikimenschen gibt – gibt es dann eine für Menschen im allgemeinen? Eine Form der Nahrung, die der menschlichen Natur entspricht?
Zumindestens wird das sehr häufig behauptet und dazu wird meist Bezug genommen auf eine Phase in der Entwicklung des Menschen, in der die Nahrung noch natürlich war und somit artgerecht. Im Prinzip ist das eine gute Idee, aber welche Phase dabei herausgegriffen wird, ist eher abhängig von Weltanschauung als von Biologie.

Foto: fotokanok

Foto: fotokanok

Unsere Vorfahren waren affenähnliche Wesen. Die größte genetische Verwandtschaft haben wir zum Schimpansen: 98% unseres Erbguts ist absolut identisch. Von daher kann man behaupten, unsere natürliche Ernährung würde der der Schimpansen entsprechen: eine vegetarisch geprägte Mischkost.
Wir können davon ausgehen, dass dies über einen sehr großen Zeitraum die Ernährung unserer Vorfahren war. Sie zogen als Jäger und Sammler durch die Kontinente und aßen, was sie fanden. War ihnen das Jagdglück hold, gab es Fleisch, und ansonsten Nüsse, Früchte, Blätter.

 

Die Venus von Willendorf - Foto:Plp

Die Venus von Willendorf – Foto:Plp

Vor etwa 115.000 Jahren setzte die letzte Eiszeit ein. Das können wir uns nicht so vorstellen, dass die gesamte Erdkugel von einem Gletscher überzogen war. Während der Eiszeiten sind jedoch nicht nur die Pole ständig bedeckt, sondern auch weite Teile Europas. Asiens und Nordamerikas bis in die mittleren Breiten, also auch die gesamte norddeutsche Tiefebene. Unsere Vorfahren waren Nomaden und sind ohnehin immer dorthin gezogen, wo sie mehr Nahrung zu finden meinten als dort, wo sie sich gerade befanden. Demzufolge können wir davon ausgehen, dass die meisten die vereisten Gebiete verlassen haben werden und in den Süden gezogen sind. Ziemlich weit in den Süden wahrscheinlich. Brrrr.

Diejenigen, die blieben, mussten ihre Ernährung drastisch umstellen: In Schnee und Eis wachsen die Pflanzen nicht, was wir ja jeden Winter beobachten können. Also entfiel die pflanzliche Grundlage der Ernährung völlig, die Menschen ernährten sich ausschließlich von Fisch und Fleisch.

Vor 10.000 Jahren dann wurde es wieder wärmer. Und die Klimaveränderung brachte die wohl größte Veränderung im Leben der Menschen mit sich. Die Erfindung des Internets ist dagegen gar nix. Diese Phase nennt sich neolithische Revolution: den Wandel zur Jungsteinzeit. Die Menschen nutzten das wärmere Klima im fruchtbaren Halbmond (östlich des Mittelmeeres, Teile der Türkei, Syriens, Arabiens, Irans…) und erkannten, dass man nicht nur wildbeuterisch leben kann, sondern beeinflussen kann, welche Pflanzen und Tiere einen umgeben: Es entstanden Ackerbau und Viehzucht. Die Nomaden ließen sich nieder und daraus ergaben sich kulturelle Möglichkeiten: Töpferei, Webkunst, Errichtung von Tempeln… Dazu wurde Arbeitsteilung notwendig, es entstanden die Berufe.

Diese neue Lebensweise setzte sich auf allen Kontinenten durch und überall gab es ein, dem Klima angepasstes, Hauptgetreide: Hafer, Weizen, Hirse, Reis, Mais. Dieses bildete die Grundlage der somit kohlenhydratbasierten Ernährung. Es ist leichter und billiger, die Menschheit mit Kohlenhydraten als mit Eiweiß zu ernähren. Eine Portion Rindfleisch erfordert ein Vielfaches an kohlenhydratreichem Viehfutter als eine sättigende Portion Kohlenhydrate. Der Ackerbau ermöglichte demzufolge einen deutlichen Anstieg der Weltbevölkerung: Zum Ende der letzten Eiszeit waren es nur 5-10 Mio. Allein in Schleswig-Holstein und Hamburg leben heute etwa 4,5 Mio. Nähmen wir noch Niedersachsen dazu, sind es schon 12,8 Mio und somit deutlich mehr, als es Menschen in der Jungsteinzeit gab!

Grorg Emanuel Opitz; Der Völler

Grorg Emanuel Opitz; Der Völler

Die getreidebasierte Ernährung blieb lange Zeit erhalten. In einigen geschichtlichen Epochen gab es eine Oberschicht, die es sich leisten konnte, sich hauptsächlich von Fleisch zu ernähren, z.B. im alten Rom oder im Mittelalter. Diese Reichen jedoch litten vielfach an Krankheiten, die die arme Bevölkerung nicht kannte. Daraus kann man ableiten, dass eiweißreiche Ernährung schadet – aber das kann man auch lassen, da die Ernährung längst nicht der einzige Unterschied in der Lebensweise war. Womöglich war Bewegungsmangel Ursache für diese ersten Zivilisationskrankheiten, einschnürende Kleidung oder einschränkende gesellschaftliche Zwänge.

Mit der industriellen Revolution änderte sich unser Wirtschaftsleben erheblich. In immer mehr Haushalten wurden Lebensmittel nicht mehr produziert, sondern ausschließlich konsumiert. Aus wirtschaftlichen Zwängen heraus wurde es notwendig, Getreide lange lagern zu können. Seither essen wir zur Hauptsache geschältes Getreide, also Stärke, die vom Klebereiweiß (Gluten) zusammengehalten wird, ohne nennenswerte Anteile von Mineralstoffen, Fetten oder Vitaminen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts entstand daher die Vollwertbewegung, die eine vegetarisch basierte Ernährung mit ganzem Getreide empfahl.

Wohl erst seit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit wurde Fleisch so erschwinglich, dass auch die allgemeine Bevölkerung es sich zur Grundlage der Ernährung machen konnte. Bei meiner Großmutter gab es sicher an mindestens sechs Tagen in der Woche Fleisch. (Am siebten gab es dann etwas Süßes wie Milchreis mit Backobst.)

Zur gleichen Zeit jedoch nahmen die Zivilisationskrankheiten immer weiter zu. Auch hier ist nicht nur die Ernährung Ursache dieser Entwicklung; wie hoch du deren Anteil daran einschätzt, bleibt letztlich dir überlassen. Vollwerternährung wurde zum propagierten Standard: DGE, Weight Watchers, Ruediger Dahlke.

Seit den 1970er Jahren entstanden eiweißreiche Gegenmodelle wie Steinzeiternährung, Low Carb oder nach der Jahrtausendwende dann LOGI, die davon ausgehen, dass Kohlenhydrate nicht Hauptbestandteil der menschlichen Ernährung sein können, da sie den Insulinhaushalt negativ beeinflussen.

DGE

DGE

So, und was ist nun des Menschen natürliche Nahrung? Ich weiß es nicht und habe zunehmend das Gefühl, dass es niemand weiß. Studierte und intelligente Experten gibt es auf jeder Seite. Wem glaubst du denn? Welche Ernährungspyramide hältst du für die richtige?

Welchen Anteil haben die Nährstoffe Eiweiße, Fette und Kohlenhydrate denn an deiner Ernährung?

Und: Ist das so richtig oder sollte es irgendwie anders sein? Was kannst du gegebenenfalls ändern, um dich gesünder zu ernähren?

Und wenn es denn so ist, dass es für jede Ernährungslehre wissenschaftlich fundierte, nachvollziehbare Argumente gibt – könnte es dann sein, dass es vielleicht viel eher darauf ankommt, was uns schmeckt und wonach wir gelüsten?

Welchen Anteil hat Genuss an deiner Ernährung?

Was kannst du gleich heute oder morgen essen, was dir so richtig lecker schmeckt? Magst du eigentlich euer Weihnachtsessen oder ist es schlicht Tradition?

In Mitteleuropa haben 1-5 % der Erwachsenen und 5-10 % der Kinder Lebensmittelallergien (z.B. gegen Milcheiweiß oder Gluten) und ganze 15-20 % haben Lebensmittelunverträglichkeiten (v.a. Laktose und Fruktose). Die Wahrscheinlichkeit, dass du also bestimmte Lebensmittel nicht abkannst, ist durchaus nicht gering. Sollte dies so sein, hast du eine Extra-Denkaufgabe:

Hast du eine Allergie bzw. Intoleranz oder leidest du daran?

Wie gehst du damit um, dass du einige Lebensmittel meiden solltest? Meidest du sie tatsächlich, oder schummelst du dich so durch? Was sind für dich die Folgen einer inkonsequenten Ernährungsweise? Ist Abstinenz oder Ertragen der Symptome das geringere Übel?


Kommentare

Tag 2: Menschengerechte Ernährung — 1 Kommentar

  1. Gute Frage-was ist „artgerecht“… In Husum saß über die Feiertage ein Krankenpfleger vor dem Schlachthof, um gegen das Töten von Tieren zu demonstrieren .Ich glaube , er wollte 55 Stunden ausharren.Auch eine Form der Meinungsäusserung .Obs was bringt ?
    Also ich weiß schon , welche Nahrungsmittel mir gut tun und welche nicht. So kann ich ganz klar sagen: Weißmehlprodukte z. B. , sind nix …Ich hab es mal ausprobiert und sechs Wochen lang darauf verzichtet, ebenso auf Zucker , Alkohol , Kaffee,rotes Fleisch usw. Das war anfangs hart, allerdings fühlte ich mich in dieser Zeit absolut fit und leistungsfähig wie nie.(Also: Ich hatte viel mehr Energie-womit wir bei Reiki wären … )Das war im Rahmen eines “ Gesund und Aktiv „Ernährungsprogramms . Doch obwohl ich um diese Dinge weiß, esse ich , was mir nicht unbedingt bekommt . Zeit darüber nachzudenken. Danke für den Schubs .Viele Grüße !

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