„Gerade heute“ ist manchmal so schwer…
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Ich bin ja durchaus voll guter Vorsätze, aber an der Ausführung hapert es dann doch. Wobei ich noch nicht einmal sagen kann, das Fleisch wäre schwach. Das ist es wahrscheinlich auch – aber bei mir ist auf jeden Fall der Geist am Schwächeln.

Also: Ich würde ja gern morgens als erstes meditieren. Habe ich ausprobiert. Außer, dass ich mich früher als sonst aus dem Bett gerollt habe, ist dabei kein Unterschied zu einer Meditation irgendwann am Nachmittag. Nein, nicht nur einmal ausprobiert. Stets das gleiche Ergebnis.
Nun bin ich durchaus bereit, anderen ein Stück weit zu glauben. Wenn Joe Dispenza also immer wieder betont, wie hilfreich es doch sei, morgens gleich als erstes zu meditieren – dann wird er sich doch dabei etwas gedacht haben?

Erkenntnis Nr. 1: Ich kann gar nicht morgens als erstes meditieren. Das geht nicht.

Das ist jetzt gar nicht als Ausrede gemeint, auch wenn es wahrscheinlich so klingt. Aber bei näherer Betrachtung gibt es nach dem Ausschlafen stets ein Andocken an Vorerfahrungen, an ein Das-bin-ich-Gefühl. Und sei es nur der Gedanke daran, dass ich ja jetzt meditieren will.

Bei mir dauert das Aufwachen durchaus eine ganze Weile. Zunächst sind da ein paar Momente gedankenloser Gefühle. DAS wäre der perfekte Zeitpunkt, um zu meditieren. Aber der erste Gedanke ist bei mir immer: „Was liegt denn heute an?“ Und dann trudeln die Antworten ein, manchmal schön der Reihe nach, manchmal als ein Sperrfeuer – je nachdem, was denn so anliegt.

Ich will das Paket von der Post holen.

Ich muss Kollegin Sowieso nach der Adresse von Sowienoch fragen.

Ich muss herausfinden, wann der Termin xy ist.

Ich muss diesen Anruf machen.

Und ich muss diesen Anruf machen.

Ehe ich mich versehe, habe ich mir den Tag versaut, ohne überhaupt erst die Augen aufgeschlagen zu haben. All diese kleinen Pflichten, Notwendigkeiten des Alltags. Und selbst, wenn ich sofort nach dem Aufstehen mir meine Meditationsbank schnappe, bin ich doch mit meinen Gedanken schon längst wieder Ich und bei meinem Tagwerk. Das kann ich auch nachmittags haben, dafür muss ich nicht extra früher aufstehen.

Erkenntnis Nr. 2: Diese Was-Liegt-An-Gedanken sind doof.

Die täglich wiederkehrende Einsicht, wie unverzichtbar mein Wirken für meine Familie und meine Arbeitsstelle doch ist, baut mich nicht auf – sie zieht mich runter. Ziemlich tief sogar.

Also lief eine Zeit lang der Dialog etwa so ab: „Ich will das Paket von der Post holen. Scheiße, schon wieder vergeigt. Kann ich nicht einmal aufwachen, ohne mich runterzuziehen?!“
Ich habe lange versucht, gegen meinen morgendlichen Gedankenansturm anzukämpfen. Aber, das, wogegen wir kämpfen…

Erkenntnis Nr. 3: Diese Was-Liegt-An-Gedanken sind sehr hilfreich.

Nachdem ich monatelang versucht hatte, sie nicht zu denken, war die Erkenntnis, dass ich sie schlicht brauche, schmerzhaft. Ich habe so gleich morgens einen Plan, die Prioritäten sind klar, ich bin auf schwierige Situationen eingestellt. Das ist in unserer Welt alles sehr hilfreich. Ohne diese Gedanken wäre ich beispielsweise beruflich nicht so erfolgreich.

Darauf folgte eine Phase, in der ich nicht mehr gekämpft habe, aber einfach frustriert war. Ich hatte das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen.Also kam ich auf die Idee, doch die Gedanken zu verschieben, auf die Zeit nach dem Frühstück. Das klappte nicht. Selbst, wenn ich wirklich genügend Zeit eingeplant hatte, lief da latente Paranoia mit. Ich könnte keine Zeit haben. Ich könnte gestört werden. Ich könnte…

Erkenntnis Nr. 4: Manchmal ist Planung eben alles.

Den kommenden Arbeitstag planen kann man ja schon am Ende des Arbeitstages zuvor. Also mit Bleistift und Block hingesetzt und den nächsten Tag durchgegangen. Dann am Morgen aufwachen. „Ich will… Nö, meditieren will ich!“ Aus dem Bett rollen, Meditationsbank schnappen und mal sehen, was passiert.
Und es passiert. Es ist schöner, freier. Und irgendwie stehen auf meinem Zettel gar keine Schreckgespenster mehr wie dieser Anruf. Ob sich nun in meiner Realität etwas getan hat oder ich die Dinge anders sehe, ist mir egal. Wichtig ist nur, dass ich unbeschwerter an mein Tagwerk gehe. Morgendliche Meditationen sind wirklich toll!

Inzwischen habe ich damit genügend Erfahrungen gesammelt, dass ich weiß, welche Spielregeln für mich wichtig sind:

  1. Ich plane schriftlich. Nur so kann ich morgens sorgenfrei alle Gedanken auf später verschieben.
  2. Ich plane nicht direkt vor dem Schlafengehen. Sonst schlafe ich nämlich schlecht und müde meditiert es sich so zäh.

Fertig. Das war’s. Es braucht nicht viele Regeln.

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