Reiki: Geschichte und Mythos
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Japanischer Votivaltar, Ende 16. Jh. - Musée Guimet, Paris

James Deacon hat mir dankenswerterweise die Erlaubnis gegeben, einige seiner Artikel ins Deutsche zu übertragen und auf meiner Seite zu veröffentlichen. Ich möchte dies in nächster Zeit zu den Artikeln tun, die sich mit der Geschichte Reikis beschäftigen und dort vor allem mit dem Verhältnis zur Reiki-Legende.

Das Copyright © 2008 liegt bei James Deacon, das der Übersetzung © 2011 bei Katrin Buske. Ich verlinke stets mit dem Original und – soweit schon vorhanden – mit der Übersetzung.

 

Reiki: Geschichte und Mythos (Teil 1)

Reiki History and Reiki Myth

Ein zweiter Blick auf ein paar Behauptungen der „neuen“ Reikigeschichte – War Usui doch Christ?

Früher war es uns im Westen als Tatsache bekannt, dass Usui-sensei Christ war – und nicht nur einfacher Christ. Nein: Er war sogar Pfarrer. Und das System der natürlichen Heilung war, obgleich es keine direkte Beziehung zum Christentum hatte, letztlich Ergebnis von Usui-senseis Forschungen danach, wie Jesus seine Heilungen vollbracht hatte.

In den späten 1980er / frühen 1990er Jahren nahm Reiki Fahrt auf und breitete sich in der New-Age-Bewegung immer schneller aus. Die Vorstellung von Usui-sensei als Pfarrer war nicht mehr angesagt. Für viele New-Age-Jünger war es richtiggehend unangenehm oder sogar peinlich.

Für viele Menschen war ihr Bedürfnis nach einer alternativen Spiritualität Triebfeder für ihre Beschäftigung mit New Age gewesen, eine Flucht aus der dogmatischen Kontrolle ihrer christlichen Erziehung. Und als sie dann herausfanden, dass der Gründer des Reikisystems christlicher Pfarrer gewesen war, nun ja…

Wie es manchmal so geht begannen gerade in dieser Zeit einige Menschen unabhängig voneinander, verschiedene Ereignisse der Reikigeschichte, wie sie sie von ihren MeisterInnen gelernt hatten, zu hinterfragen. Unter anderem entschlossen sich ein paar Leute, die Universitäten anzuschreiben, die in der Reikilegende genannt werden:

  • Doshisha Universität in Kyoto – Usui-sensei, so hatte es immer gehießen, war an dieser Universität Pfarrer und nach einigen Berichten sogar Präsident der Universität gewesen
  • University of Chicago – dort soll Usui-sensei im Rahmen seiner Suche nach Jesus‘ Heilwirken studiert haben.

Einer dieser Männer, die sich an die Universitäten gewandt hatten, war der Reikimeister William Rand. Im November 1990 bekam er von der Universität in Chicago die Auskunft, dass „…unsere Archive keinen Hinweis darauf geben, dass Mikao Usui jemals die Universität von Chicago besucht hätte.“ Im darauf folgenden Jahr wandte Rand sich auch an die Doshisha Universität und bekam im Dezember 1991 die Antwort, dass der Name Mikao Usui in den Listen der Hochschulabsolventen „nirgends auftauche“ und auch nicht auf der Liste der Fakultätsmitglieder. Außerdem sei er  „… niemals Präsident der Doshisha gewesen.“

Diese Information war natürlich für viele Reikianhänger ein großer Schock und wir können nur vermuten, in welchen unterschiedlichen Wegen sie damit umgingen, dass anscheinend schwerwiegende Fehler in der überlieferten Reikigeschichte enthalten waren. Indes scheint es, dass einige Leute, besonders aus den Reihen derer, die mit den christlichen Bestandteilen nie so recht glücklich gewesen waren, die Widersprüche als so etwas wie ein Gottesgeschenk auffassten. Für sie war es eine Chance, Dinge zu ändern, neu aufzubauen. Tja, und das haben sie dann auch getan.

Erstaunlich schnell entstand so etwas wie Die Wahre Geschichte von Reiki. Und in dieser Version war Usui-sensei nicht nur nicht Präsident der Doshisha, noch Pfarrer an dieser Universität – nein, er war überhaupt kein Pfarrer und noch nicht einmal Christ.

Usui-sensei war nun Buddhist [1] und immer schon gewesen; und wann immer jemand fragte, warum es jemals anderes gehießen hatte, lautete die Standardantwort, dass Takata-sensei bestenfalls die Dinge ein bisschen durcheinander gebracht hatte und schlimmstenfalls einfach alles erfunden hatte. [2] Immerhin war der Buddhismus für viele New-Age-Anhänger weitaus akzeptabler als es das Christentum war und Hinweise finden sich auch in der Reikilegende: Usui-sensei habe in einem Zen-Kloster studiert und die Schlüssel zu den Symbolen in buddhistischen Sutras gefunden… [3]

Nach und nach entwickelten sich Standardantworten auf Fragen, die vielleicht sogar recht unbedarft zum christlichen Hintergrund Usuis gestellt wurden:

  • „Er konnte doch gar kein Christ sein – er ist doch auf einem buddhistischen Friedhof begraben worden.“ [4]
  • „Für jeden, der auch nur ein bisschen Ahnung von japanischer Geschichte hat, ist offensichtlich, dass Usui kein gebürtiger Christ hat sein können. Das Christentum war doch für Jahrhunderte in Japan verboten gewesen und dieses Verbot wurde erst aufgehoben, als Usui 8 Jahre alt war. Also gab es keine japanischen Christen zu der Zeit, in der Usui geboren wurde.“
  • „Aber natürlich wissen wir, dass Usui kein Christ gewesen war. Sowohl die Gakkai als auch eine seiner noch lebenden Schülerinnen – eine buddhistische Nonne namens Mariko – bestätigten, dass Usui Zeit seines Lebens Buddhist war.“

Wie auch immer: Es gibt wahrscheinlich weniger Beweise für die Existenz dieser langlebigen Schülerin oder der heutigen Gakkai als es jemals dafür gab, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt hatte…
Desweiteren gibt es in der von Takata-sensei überlieferten Reikilegende keinen Hinweis darauf, dass Usui-sensei als Christ geboren worden war. Seine Kindheitsjahre werden überhaupt nicht erwähnt. Auch wird niemals behauptet er sei als Christ gestorben. (Takata hat nie gesagt, er sei sein ganzes Leben lang Christ gewesen. So gibt es zum Beispiel keinen Hinweis darauf, dass er nach der Reiki-Entdeckung auf dem Berg Kurama seinen Dienst als Pfarrer wieder aufgenommen habe.)
Und außerdem werden wir jetzt sehen, dass es tatsächlich zur Zeit von Usui-senseis Geburt Christen in Japan gab. Und zwar ziemlich viele.

1549 trat die Römisch-Katholische Kirche erstmals in Japan auf* und für das folgende halbe Jahrhundert gedieh das Christentum mit immer weiter wachsenden Zahlen von Konvertiten. Einige Schätzungen belaufen sich auf bis zu 300.000 japanischen Christen zum Ende des 16. Jahrhunderts. Als das Tokugawa Shogunat jedoch Anfang des 17. Jahrhunderts die politische Kontrolle übernahm, änderten sich die Dinge:
Das Christentum wurde jetzt als Möglichkeit gesehen, dass europäische Interessen in den Herzen und im Geist der japanischen Bevölkerung Tritt fassen könnten und daher erschien es jetzt als Bedrohung für die Macht des Shogunats – eine Zeit der immer stärker werdenden Unterdrückung begann.

Dies führte zum offiziellen Verbot für Japaner, den christlichen Glauben auszuüben. Ausländische Missionare und viele prominente Japaner christlichen Glaubens mussten das Land verlassen. Statt ins Exil zu gehen, begaben sich viele (europäische) römisch-katholische Priester in den Untergrund. Eine große Anzahl der Gläubigen weigerten sich, den christlichen Glauben aufzugeben. Sie wurden vor eine simple Wahl gestellt: Widerrufen oder sterben. Viele widerriefen. Viele wurden hingerichtet.

Um sich weiter von westlichem Einfluss (und der Wahrscheinlichkeit, dass die Europäer zu viel Einfluss erlangen) zu befreien, entschied sich das Shogunat für eine Isolationspolitik: Nicht nur die Missionare, sondern alle Europäer wurden des Landes verwiesen, jeglicher Handel mit Europa wurde beendet; mit der einzigen Ausnahme eines streng kontrollierten Handels mit den Niederlanden.

Doch auch nach all diesen Maßnahmen war das Christentum nicht aus Japan gelöscht. Historiker glauben, dass etwa 150.000 Christen offiziell ihrem Glauben abschwörten, ihn jedoch heimlich weiter praktizierten. Für mehr als zwei Jahrhunderte lebten die Senpuku Kirishitan (Untergrundchristen) in von der Außenwelt abgeschirmten, selbstständigen ländlichen Gemeinden und feierten ihre Gottesdienste in aller Heimlichkeit, wohl wissend, dass sie bei Entdeckung hingerichtet würden. Geschätzten 40.000 ist genau dies geschehen…

Diese Jahrhunderte hindurch waren die Christen ohne Gebetsbücher, Heilige Schriften oder irgendwelche Kultgegenstände – all dies war aufgegeben worden, um einer möglichen Entdeckung zu entgehen. Nach außen mussten sie den Eindruck erwecken, Buddhisten oder Shintoisten zu sein (die Unterschiede zwischen beidem waren ohnehin verwischt.
So wurde der christliche Glaube mündlich weitergegeben und im Laufe der Zeit kam es zu zahlreichen Veränderungen, indem buddhistische, shintoistische oder volkstümliche Vorstellungen eingewoben wurden.

1853 erreichte eine kleine US-amerikanische Flotte den Hafen von Uraga am Eingang zur Bucht von Tokio, dem damaligen Edo. Die Amerikaner verlangten, dass Japan seine Häfen dem Handel mit dem Westen öffne.
Durch die jahrhundertelange Isolation vom Rest der Welt hatte sich das japanische Militär nicht weiterentwickelt und daher war ein Widerstand gegen Amerika nicht möglich. Das Shogunat hatte keine andere Wahl als nachzugeben. Bis 1854 hatte Japan Freundschaftsabkommen nicht nur mit den USA, sondern auch mit Großbritannien, Frankreich, Russland und den Niederlanden abgeschlossen.

1865, als Usui-sensei geboren wurde, lag immer noch der Bann auf dem Christentum – zumindestens für die Japaner selbst. Das Öffnen der japanischen Häfen für den Auslandshandel sorgte auch für einen Zustrom an römisch-katholischen und anderen christlichen Missionaren, angeblich nur, um sich um die wachsende Zahl von Westlern in den neu gegründeten ausländischen Wohnvierteln zu kümmern.
Trotz des Verbots, für das Christentum zu werben, war es einigen Missionen erlaubt, medizinische Behandlungen und Schulen anzubieten.
Sogar nach dem Fall des Shogunats und dem Einsetzen der Meiji-Reigerung (1868) war es für Japaner illegal,  ihren christlichen Glauben zu praktizieren. Etwa 3.000 japanische Christen sind allein in den ersten zwei-drei Jahren der Meiji-Regierung verhaftet worden.

Aber die Dinge sollten sich jetzt ändern: Unter dem wirtschaftlichen und sonstigem Druck der USA und anderer westlicher Staaten war die Meiji-Regierung gezwungen, ihre Haltung in religiösen Fragen zu überdenken und 1873 wurde dann das Verbot aufgehoben.

Während einige wenige der Christen aus dem Untergrund christliche Missionare schon vor 1873 überrascht hatten, waren nun alle in der Lage, sich offen zu ihrem Glauben zu bekennen und um Unterricht in Katechismus und auch Riten zu bitten, da ihr eigener Glaube sich in den Jahren der Isolation von den Lehren der Kirche abgeglitten war.

Viele kehrten froh in den Schoß der Mutterkirche zurück, aber es gab auch einige, die dies nicht wollten: Sie zogen es vor, an den entwickelten japanischen Eigenheiten und Traditionen (einschließlich Ahnenverehrung [5]) festzuhalten.

Fortsetzung folgt

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Anmerkungen:
[1] Aber selbst heute [2008] gibt es keine Einigkeit darüber, welcher Richtung des Buddhismus‘ Usui-sensei angehörte.

[2] Vielleicht war es in dieser Zeit, dass die nicht gänzlich durchdachte Auffassung entstand, dass Takata-sensei eine christliche Herkunft fabuliert hatte, um Reiki im Westen salonfähig zu machen?

[3] Erstaunlich, wie einige Bestandteile der als falsch betrachteten Reikilegende nun sogar zu deren Widerlegung herangezogen werden…

[4] Natürlich könnte die gleiche Argumentation auch benutzt werden, um zu belegen, dass Usui-sensei kein Tendai Buddhist war (wie behauptet wurde), denn er ist auf einem buddhistischen Jodo Shin-Friedhof begraben worden.

[5] Namentlich derjenigen, die für ihren glauben als Märtyrer in den Tod gingen.


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