Ist die Reiki-Legende wirklich ein Mythos?
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James Deacon hat mir dankenswerterweise die Erlaubnis gegeben, einige seiner Artikel ins Deutsche zu übertragen und auf meiner Seite zu veröffentlichen. Ich möchte dies in nächster Zeit zu den Artikeln tun, die sich mit der Geschichte Reikis beschäftigen und dort vor allem mit dem Verhältnis zur Reiki-Legende.

Das Copyright © 2005 liegt bei James Deacon, das der Übersetzung © 2011 bei Katrin Buske. Ich verlinke stets mit dem Original und – soweit schon vorhanden – mit der Übersetzung.

Ist die Reiki-Legende wirklich ein Mythos?

The Mythologised Reiki Story?

Da inzwischen ‚bewiesen‘ wurde, dass einige Elemente der Reiki-Geschichte, wie sie Takata-sensei weitergab, falsch sind, möchten uns viele glauben machen, dass Takata-sensei im Laufe der Jahre den Großteil erfunden habe.

Zugegeben, es gibt Beweise, dass die Reiki-Geschichte tatsächlich Fehler enthält [1], aber warum wird immer davon ausgegangen, dass Takata-sensei für die Entstehung der Legende verantwortlich war? Sie selbst hat immer darauf bestanden, dass sie schlicht die Geschichte nacherzählte, wie sie sie von Hayashi-sensei gehört hatte.

Wenn man die Geschichte Reikis näher betrachet, wird deutlich, dass da ein paar erzählerische Elemente enthalten sind, die auch in anderen modernen Gründungslegenden aus Japan vorkommen (siehe http://www.aetw.org/reiki_bits_n_pieces.htm#1 und http://www.aetw.org/reiki_meiji.html#21).

Also ist es immerhin denkbar, dass wer auch immer [2] diese Elemente der Reiki-Geschichte zufügte, sich an ein gewohntes mythologisierendes Schema hielt – in diesem Fall der Entdeckung von Reiki, um Mikao Usuis Geschenk mindestens auf eine Ebene zu setzen mit anderen zeitgenössischen japanischen spirituellen Heilkünsten – buchstäblich also, um mit der Konkurrenz mitzuhalten.

Und sollte dies der Fall gewesen sein, warum hätte dies jemand tun sollen, der in den USA lebt und lehrt? In einer Kultur, in der es diese Konkurrenz nicht gab, da diese anderen Gruppen dort nicht existierten? Wo niemand jemals auch nur von ihnen oder ihren fabelhaften Mythen gehört hatte?

Es wird angenommen, Takata-sensei hätte die Reiki-Geschichte christianisiert (auch wenn es immer noch keinen stichhaltigen Beweis gibt, Usui-sensei sei kein Christ gewesen [3] ) um Reiki im japanfeindlichen Amerika salonfähig zu machen. Seit dem Angriff auf Pearl Habor war die Stimmung in den USA den japanischstämmigen Amerikanern und allem Japanischen nicht freundlich gesonnen und so wäre Usui als Buddhist nicht gut angekommen. [4]

Aber wie ist es um die innere Logik dieses Gedankengangs bestellt? Immerhin wurde der Buddhismus zu dem Zeitüpunkt, als Takata-sensei Reiki in Amerkia bekannt machte, recht populär. Insbesondere der japanische Buddhismus, vor allem in der Form von Zen, war damals schlicht ‚in‘.

Weiter: Wenn es denn stimmte, dass Takata-sensei tatsächlich verantwortlich für die christliche Überarbeitung der Geschichte war, um sie auf diese Weise den amerikanischen Befindlichkeiten anzubiedern – warum hätte sie dann so sehr herausgestellt, dass Usui keinen Erfolg damit gehabt hatte, die Geheimnisse des Heilens in den westlichen Religionen, Philosophien und spirituellen Wegen zu finden, die er der Legende nach doch in Amerika studiert haben soll?

Warum hätte Takata-sensei betont, dass Usui-sensei nach seiner Rückkehr nach Japan das Geheimnis des Heilens (nicht die Symbole, wie zuweilen gesagt wird) in buddhistischen Texten fand? Und dass er Reiki geschenkt bekam, während er sich strengen Meditationen in einer japanischen Tradition unterzog, auf einem japanischen Berg, der sowohl Buddhisten wie Shintoisten heilig ist?

Zwischen den Zeilen lesend, erscheint es mir [James Deacon], dass die Geschichte eher nicht von Takata-sensei auf den amerikanischen Markt zugeschnitten wurde, sondern dass sie in der bekannten Form schon einige Zeit existiert haben könnte, bevor Takata-sensei sie von Hayashi-sensei lernte.
Ist es denkbar, dass die Geschichte nicht für westliche Schüler überarbeitet wurde, sondern tatsächlich für den einheimischen, japanischen Markt?
Könnte da nicht sogar eine anti-westliche Haltung mitschwingen?
Dafür spricht, dass auch noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts viele Japaner glaubten, Japan täte besser daran, für sich zu bleiben und dass man wenig von den Gaijin (Ausländern) und ihrer Lebensweise lernen könne.

Geht es nicht in der Geschichte, zumindest im ersten Teil, im Grunde um den Bericht eines japanischen Priesters einer ausländischen Religion (hier: Christentum), der, als er von seinen Studenten herausgefordert wurde, die Heilfähigkeit Jesu zu beweisen, dies nicht konnte und so sein Gesicht und die Glaubwürdigkeit seines christlichen Vertrauens verlor?
Und dann konnte er sogar im fernen Amerika nicht herausfinden, wie diese neutestamentliche Fähigkeit zu nutzen sei? Er konnte nach all seinen theologischen Studien auch in anderen Religionen des Westens nichts dazu finden.
Dann aber, als er in seine Heimat zurückkehrte und in den geistlichen Schriften seiner eigenen Kultur suchte, fand er schließlich die Anleitung. Eine buddhistische statt einer christlichen Anleitung, die es ihm ermöglichte, das Geschenk des Heilens umzusetzen?

Ich finde es auch bemerkenswert, dass in der Geschichte, klar gesagt wird, dass Usui-sensei das Geheimnis in einer buddhistischen Sutra gefunden habe, aber diese weder zitiert noch genau bezeichnet wird. Das haben sich schon viele Leute gefragt. Ist dieses Wissen verloren gegangen? Hat Usui-sensei die Fundstelle vielleicht niemals genannt?

Ich gehe so weit, anzunehmen, dass selbst wenn die Sutra der für die Reikilegende verantwortlichen Person bekannt gewesen sein sollte, sie bewusst ausgelassen wurde. Warum?
Sollte dieses Geheimnis einfach nicht der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden? Oder war es gar eine List, um Neugier in den Reikischülern zu wecken und sie dazu zu bringen, selbst nach der gefragten Sutra zu suchen? Natürlich hätten sie dazu jede Menge buddhistischer Sutren lesen müssen.

Waren die Autoren der Reikilegende vielleicht selbst Buddhisten? Wäre in den Augen eines Buddhists eine solche konzentrierte Suche in den buddhistischen Schriften nicht wunderbar, um Reikischüler, sowohl Gläubige als auch Nicht-Buddhisten, näher an das Dharma zu ziehen?

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Anmerkungen:
[1] Zugegeben, wir wissen, dass Usui-sensei nicht die Universität von Chicago besucht hat – zumindest nicht unter dem Namen Mikao Usui (Siehe: http://www.aetw.org/reiki_japanese_christianity.htm), noch war er Priester oder Direktor der Doshisha Universität. Aber wo genau sind die Beweise für weitere Ungenauigkeiten in der Reiki-Geschichte?

[2] Um es klar zu sagen: Ich deute hier nicht an, dass Hayashi-sensei (oder gar Usui-sensei selbst) die Reikigeschichte so verändert hätte. Natürlich ist es möglich, dass Hayashi-sensei sich bei bestimmten Details in Usuis Biografie geirrt hat, schließlich hat er ihn nur die letzten 9-10 Montate dessen Lebens gekannt. Ich kann nicht anders als denken, ob nicht Hayashi selbst diese Gründungslegende einige Zeit nach Usuis Tod gehört hat, möglicherweise von anderen Mitgliedern der Gakkai.

[3] Als sie herausfanden, dass Usui-sensei wohl niemals an der Doshisha Universität gelehrt hatte, schlossen viele Menschen daraus, dass dies auch ‚bewiese‘ dass nie Geistlicher gewesen war, sogar dass er niemals auch nur Christ gewesen war.
Natürlich ist es möglich, dass er vielleicht kein Geistlicher gewesen war, dass er vielleicht kein Christ war, aber die bloße Tatsache, dass er nicht an der Doshisha Universität gewesen war, ist dafür kein Beweis. (Siehe: http://www.aetw.org/reiki_japanese_christianity.htm

[4] Auch wenn Japan eher ein shintoistischer als ein buddhistischer Staat war.

Kommentare

Ist die Reiki-Legende wirklich ein Mythos? — 5 Kommentare

  1. Interessante Gedankengänge. Bislang hatte ich auch eher auf die erwähnten Gründe seitens Hawayo Takata spekuliert. Danke für die Arbeit mit der Übersetzung.

  2. Was immer Mikao Usui war….. ist das so von Bedeutung!
    Für mich zählt nur das, was er uns hinterlassen hat. Ich bin unendlich dankbar, Mein Reiki Lehrer hat damals gesagt,das jeder der an die Schöpfung glaubt das lernen kann.
    Es ist egal welcher Religion man angehört. Ich glaube an Gott, an Jesus und die Mutter Gottes, aber ich glaube nicht alles was in der Bibel steht, denn auch die ist von Menschenhand geschrieben, so wie die Geschichte von Usui sensei. Manches wurde dazu gedichtet anderes weggelasssen. Mit Details schmückt man eine Geschichte aus aber die sind völlig unwichtig bei so etwas Großartigem wie dem Reiki.
    Ich denke unser Meister/Lehrer im Jenseits schmunzelt über die Diskusionen die wir bezüglich seiner Person führen
    Wir sollten unsere Zeit besser damit verbringen ,die Reiki-Lehre zu verbreiten
    Unsere Welt braucht Liebe

    • Moin Dorothe, das ist ein schönes Bild, dass unser Meister über unsere Diskussion schmunzelt. Ich halte die geschichtlichen Fragen durchaus für interessant – sonst hätte ich den Artikel ja nicht übersetzt – aber nicht letztlich für entscheidend. Ich bin Reikimeisterin/-lehrerin, keine Historikerin. Wäre der Schwerpunkt meines Interesses an Reiki bei diesen Fragen, würde ich das beste verpassen…

  3. Ich möchte kurz mitteilen, dass ich im ersten Moment verunsichert war, als ich die neuesten Erkenntnisse zur Biographie Mikai Usuis las und dabei tauchte auf, dass der Titel „Dr“ nie so ganz gepasst hat, also als wissenschaftl. Titel im westlichen Verständnis.
    Wir haben immer von der Reiki-Legende gesprochen und waren uns bewußt, dass micht alles aus der Legende einer Prüfung standhalten würde. Ich habe neulich die Reiki-Geschichte aus dem Mund von Großmeisterin Phyllis Furumoto gehört und beim Zuhören war gar nicht relevant, was genau nun die überprüfbaren Fakten sind, sondern wie ein Mann sich für sein Lebensziel engagiert hat und es geschafft hat „Licht ins Dunkle“ zu bringen mit dem, was wir Reiki-das UsuiSystem der Natürlichen Heilung nennen.Und diese Energie wirkt in jedem zum Positiven, der Reiki täglich anwendet.

    • Moin Christa, so ähnlich sehe ich es jetzt auch. Ich habe aber noch die Legende als wahr gelernt und daher ist es vielleicht für mich spannender, die Legende auf den Kopf zu stellen, als für dich. Wirklich entscheidend ist schlicht „Hands on – Reiki on. Hands off – Reiki off.“ (Takata) Wer wann was wo und überhaupt spielt keine Rolle. Aber eine nette Gedankenspielerei ist es dann eben doch… 😉